Bindungstrauma, Elternbeziehung und Autoimmunität

1. Juni 2026by Dr. Anie Gyane0
Wenn Bindung chronischen Stress aktiviert:
Kontaktabbruch, Nervensystem und Autoimmunität

 

Es gibt Entscheidungen, die nach außen hart wirken und innerlich das erste Mal weich sind.

Der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern gehört oft dazu. Er ist selten leicht. Meist entsteht er nicht plötzlich, nicht aus Laune und nicht aus Kälte. Häufig geht ihm eine lange Geschichte voraus: wiederholte Enttäuschung, emotionale Verletzung, Grenzüberschreitungen, Schuldgefühle, Hoffnung, erneute Annäherung, erneute Verletzung.

Viele erwachsene Kinder trennen sich nicht von ihren Eltern, weil ihnen Bindung egal ist. Sie tun es, weil Bindung zu lange mit Alarm verwechselt wurde.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn wer aus einer belasteten Elternbeziehung kommt, trägt häufig nicht nur Erinnerungen in sich. Der Körper erinnert mit: über Schlaf, Atmung, Verdauung, Haut, Erschöpfung, Entzündungsbereitschaft, Schmerz, Herzklopfen oder das Gefühl, innerlich nie wirklich zur Ruhe zu kommen.

Aus psychotherapeutischer und körpernaher Perspektive ist Kontaktabbruch daher nicht einfach ein soziales Ereignis. Er kann eine späte Schutzbewegung eines Systems sein, das über viele Jahre versucht hat, Beziehung zu halten – auch dort, wo Beziehung nicht ausreichend sicher war.

Dieser Artikel erklärt, warum der Kontaktabbruch zu Eltern nach Bindungstrauma manchmal notwendig werden kann, weshalb er dennoch schmerzhaft bleibt und wie solche Beziehungserfahrungen mit Nervensystem, Stressregulation und immunologischen Prozessen zusammenhängen können – ohne Schuldzuweisung, ohne vorschnelle Vereinfachung und ohne körperliche Erkrankungen psychologisch zu verkürzen.

 

 

 

Ein kurzer Hinweis zur Einordnung

Der Begriff Bindungstrauma wird hier nicht als vorschnelle Diagnose verwendet. Gemeint sind wiederholte Beziehungserfahrungen, in denen Bindung nicht ausreichend Sicherheit bedeutete, sondern über längere Zeit mit Alarm, Schuld, Überforderung oder emotionaler Unsicherheit verbunden war.

Nicht jeder schwierige Elternkontakt ist traumatisch. Nicht jeder Kontaktabbruch ist notwendig. Und nicht jede körperliche Erkrankung lässt sich aus Beziehungserfahrungen erklären.

Entscheidend ist die sorgfältige Einordnung: Was ist geschehen? Wie wurde es erlebt? Welche Schutzmuster sind daraus entstanden? Und wie reagiert der Körper heute, wenn alte Beziehungserwartungen wieder aktiviert werden?

Wenn Eltern nicht nur Eltern, sondern auch Stressoren sind

Eltern sind für ein Kind nicht irgendeine Beziehung. Sie sind der erste Ort von Sicherheit, Orientierung und Regulation. Über Stimme, Blick, Körpernähe, Rhythmus, Verlässlichkeit und emotionale Resonanz lernt ein Kind, ob die Welt grundsätzlich haltbar ist.

Wenn Eltern verfügbar, ausreichend feinfühlig und emotional regulierend sind, kann ein Kind Belastung mithilfe eines Gegenübers verarbeiten. Es muss nicht alles allein tragen. Es darf weinen, wütend sein, Angst haben, abhängig sein und sich wieder beruhigen.

Anders ist es, wenn Eltern selbst unberechenbar, emotional überflutend, abwertend, süchtig, psychisch instabil, kontrollierend, kalt oder grenzüberschreitend sind. Dann wird jene Beziehung, die eigentlich Schutz geben sollte, selbst zur Quelle von Stress.

Das Kind lernt dann nicht: Ich bin sicher.
Es lernt: Ich muss aufpassen.

Auf Tonlagen. Auf Stimmungen. Auf Gesichter. Auf unausgesprochene Erwartungen. Auf den nächsten Vorwurf. Auf das nächste Schweigen. Auf die nächste Eskalation.

Von außen kann das wie Sensibilität wirken. Wie Reife. Wie Anpassungsfähigkeit. Manchmal sogar wie besondere Stärke. Innerlich ist es oft ein Zustand chronischer Wachsamkeit.

Das Nervensystem bleibt auf Empfang.

Merksatz: Wenn Beziehung lange unberechenbar war, wird Sicherheit nicht einfach gefühlt. Sie muss vom Nervensystem erst wieder gelernt werden.

Bindungstrauma ist nicht immer laut

Viele Menschen verbinden Trauma mit offensichtlichen Ereignissen: Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch, schwere Bedrohung. Diese Erfahrungen können tief traumatisierend sein und brauchen eine klare fachliche Einordnung.

Bindungstrauma kann jedoch auch leiser entstehen. Nicht unbedingt durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch ein wiederholtes Beziehungsklima.

Ein Elternteil, der Liebe gibt und wieder entzieht.
Ein Zuhause, in dem nie sicher ist, welche Stimmung gleich herrscht.
Ein Kind, das die Mutter tröstet, den Vater schützt oder zwischen beiden vermittelt.
Eine Tochter, die für die Gefühle der Eltern zuständig gemacht wird.
Ein Sohn, der nie „zu viel“ sein darf.
Ein erwachsenes Kind, das auch mit vierzig noch Schuld empfindet, wenn es Grenzen setzt.

Solche Erfahrungen sind nicht immer von außen sichtbar. Manchmal gibt es Fotos, Geburtstage, Geschenke, Urlaube, scheinbare Normalität. Und trotzdem fehlt etwas Entscheidendes: innere Sicherheit.

Für das Kind ist das verwirrend. Es erlebt vielleicht Versorgung, aber keine wirkliche Resonanz. Nähe, aber keine Verlässlichkeit. Kontakt, aber keine emotionale Freiheit.

Es wird gehalten – und bleibt doch allein.

Warum erwachsene Kinder so lange bleiben

Viele Menschen fragen sich: Warum breche ich den Kontakt erst jetzt ab? Warum habe ich so lange versucht, diese Beziehung zu retten?

Die Antwort ist oft schmerzhaft einfach: Weil Bindung stärker ist als Einsicht.

Ein Kind kann seine Eltern nicht innerlich einfach aufgeben. Es braucht sie. Es liebt sie. Es hofft. Selbst wenn es verletzt wird, sucht es nach Erklärungen, nach Entschuldigungen, nach Momenten, in denen doch etwas Gutes sichtbar wird.

Diese Hoffnung verschwindet nicht automatisch im Erwachsenenalter. Sie verändert nur ihre Form.

Dann heißt sie vielleicht:
Vielleicht verstehen sie es diesmal.
Vielleicht wird das Gespräch jetzt anders.
Vielleicht muss ich es nur besser erklären.
Vielleicht bin ich zu empfindlich.
Vielleicht übertreibe ich.
Vielleicht sollte ich dankbarer sein.
Vielleicht ist Familie eben so.

Viele erwachsene Kinder bleiben nicht, weil es ihnen guttut. Sie bleiben, weil ein alter Teil in ihnen noch immer auf jene Eltern wartet, die es gebraucht hätte.

Das ist keine Schwäche. Es ist Bindung.

Und genau deshalb ist Kontaktabbruch oft nicht der erste Impuls, sondern der letzte Schritt nach vielen inneren Versuchen.

Kontaktabbruch als Schutzbewegung

Ein Kontaktabbruch zu Eltern ist selten nur ein „Nein“ zu den Eltern. Oft ist er ein erstes „Ja“ zum eigenen Nervensystem.

Ja, ich darf mich schützen.
Ja, mein Körper zählt.
Ja, ich muss mich nicht endlos erklären.
Ja, eine Grenze ist nicht automatisch Schuld.
Ja, Beziehung darf nicht bedeuten, dass ich mich selbst verliere.

Für Menschen mit Bindungstrauma ist diese Bewegung oft extrem schwer. Denn das alte System hat gelernt: Nähe wird über Anpassung gesichert. Beziehung hält nur, wenn ich funktioniere. Wenn ich widerspreche, verliere ich Bindung. Wenn ich Grenzen setze, verletze ich andere. Wenn ich gehe, bin ich schlecht.

Der Kontaktabbruch widerspricht also nicht nur den Eltern. Er widerspricht einem inneren Überlebensgesetz.

Darum ist er körperlich oft so spürbar.

Manche Menschen erleben nach der Entscheidung zunächst Erleichterung. Andere brechen ein. Manche schlafen zum ersten Mal besser. Andere bekommen Unruhe, Schuldgefühle, Hautreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden, Erschöpfung oder emotionale Wellen, die sie nicht erwartet hätten.

Das bedeutet nicht, dass die Entscheidung falsch war. Es bedeutet, dass ein altes Bindungssystem in Bewegung geraten ist.

Merksatz: Kontaktabbruch ist nicht immer ein Angriff. Manchmal ist er der erste ernsthafte Versuch, den eigenen Körper nicht länger zu übergehen.

Warum Schuldgefühle so stark sind

Kaum ein Thema ist bei Kontaktabbruch so stark wie Schuld.

Die Schuld, die Eltern im Alter allein zu lassen.
Die Schuld, undankbar zu sein.
Die Schuld, nicht genug Verständnis zu haben.
Die Schuld, die Familie zu zerstören.
Die Schuld, sich selbst wichtiger zu nehmen als die Eltern.

Bei Bindungstrauma sind Schuldgefühle häufig nicht nur moralische Gefühle. Sie sind alte Bindungsfäden.

Ein Kind, das früh Verantwortung für das emotionale Gleichgewicht der Eltern übernommen hat, lernt: Wenn es dem anderen schlecht geht, muss ich etwas tun. Wenn Mutter traurig ist, bin ich zuständig. Wenn Vater wütend ist, muss ich mich anpassen. Wenn die Eltern leiden, darf ich nicht frei sein.

Im Erwachsenenleben wird daraus oft ein schwer lösbares Muster. Man weiß rational, dass man nicht für alles verantwortlich ist. Der Körper glaubt es trotzdem nicht.

Dann fühlt sich Grenze wie Gefahr an. Abstand wie Verrat. Selbstschutz wie Grausamkeit.

Psychotherapie kann hier helfen, Schuldgefühle nicht einfach wegzudrücken, sondern sie präzise zu verstehen: Gehört diese Schuld wirklich zur Gegenwart? Oder stammt sie aus einem alten Beziehungssystem, in dem das Kind zu viel tragen musste?

Der Körper entscheidet mit

Viele Menschen erreichen den Punkt des Kontaktabbruchs nicht zuerst über den Kopf, sondern über den Körper.

Der Kopf hat vielleicht jahrelang erklärt, relativiert, verstanden und eingeordnet. Der Körper wird oft früher eindeutig.

Er schläft nicht mehr.
Der Bauch zieht sich zusammen, sobald eine Nachricht kommt.
Das Herz rast vor einem Besuch.
Die Haut reagiert nach Telefonaten.
Körperliche Beschwerden verschlechtern sich in Phasen familiärer Eskalation.
Erschöpfung tritt nicht zufällig auf, sondern nach Kontakt.

Das sind keine Beweise im einfachen Sinn. Aber es sind Hinweise.

Der Körper kann oft nicht lügen, wenn der Kopf noch loyal sein möchte.

In einer differenzierten psychotherapeutischen Arbeit geht es deshalb nicht darum, jede körperliche Reaktion sofort psychologisch zu deuten. Es geht darum, sie ernst zu nehmen. Wann tritt sie auf? In welchem Beziehungskontext? Nach welchen Gesprächen? Nach welchen inneren Konflikten? Mit welchen alten Gefühlen?

Manchmal zeigt der Körper, dass eine Beziehung nicht mehr nur schmerzhaft, sondern dysregulierend ist.

Was hat das mit Autoimmunerkrankungen zu tun?

Autoimmunerkrankungen sind reale körperliche Erkrankungen. Sie sind nicht eingebildet, nicht „nur psychisch“ und nicht durch eine einzelne Beziehungserfahrung erklärbar. Sie brauchen medizinische Diagnostik, fachärztliche Abklärung und eine seriöse Behandlung.

Gleichzeitig arbeitet das Immunsystem nicht getrennt vom restlichen Organismus. Es steht in Verbindung mit dem Nervensystem, dem Hormonsystem, dem Schlaf, dem Darm, der Stressregulation und der Frage, ob ein Mensch sich über längere Zeit sicher oder bedroht erlebt.

Chronischer Beziehungsstress kann das System in einer dauerhaften Alarmbereitschaft halten. Der Sympathikus bleibt leichter aktiviert. Die HPA-Achse kann wiederholt beansprucht sein. Schlaf und Regeneration können leiden. Verdauung und Darmbarriere können empfindlicher reagieren. Entzündungsprozesse können mitbetroffen sein.

Das bedeutet nicht: Eltern verursachen Autoimmunerkrankungen.
Und es bedeutet auch nicht: Wenn der Kontakt abgebrochen wird, verschwindet die Erkrankung.

Es bedeutet etwas Präziseres: Ein dauerhaft belastetes Nervensystem kann ein relevanter Kontext für körperliche Erkrankungen sein. Besonders dann, wenn genetische Veranlagung, Infekte, hormonelle Veränderungen, Darmprobleme, Umweltfaktoren oder bereits bestehende Entzündungsprozesse hinzukommen.

Bei Autoimmunerkrankungen geht es deshalb nicht um Schuld. Es geht um Systemverständnis.

Welche Faktoren halten den Organismus in Alarm?
Wo fehlt Erholung?
Welche Beziehungen aktivieren alte Notfallprogramme?
Welche Grenzen braucht der Körper, bevor er wieder in Regulation finden kann?

Merksatz: Autoimmunerkrankungen sind nicht einfach psychisch verursacht. Aber der Körper lebt nicht getrennt von Stress, Schlaf, Beziehung, Belastung und Regulation.

Warum Abstand nicht automatisch Frieden bringt

Viele Menschen erwarten, dass nach dem Kontaktabbruch sofort Ruhe eintritt. Manchmal passiert das. Oft aber beginnt erst eine neue Phase.

Denn Abstand beendet den äußeren Kontakt, aber nicht sofort die innere Bindung.

Die Stimmen bleiben zunächst. Die alten Sätze. Die Rechtfertigungen. Die Zweifel. Der Impuls, sich zu erklären. Die Angst, missverstanden zu werden. Die Sehnsucht, dass doch noch eine Entschuldigung kommt. Die Hoffnung, dass die Eltern plötzlich verstehen, was sie nie verstehen konnten oder wollten.

Kontaktabbruch ist deshalb nicht nur eine äußere Entscheidung. Er ist ein innerer Prozess.

Man trennt sich nicht nur von realen Personen. Man trennt sich auch von einer alten Hoffnung.

Das ist oft der schmerzhafteste Teil: nicht der Verlust dessen, was war, sondern der Verlust dessen, was nie ausreichend da war.

Und genau hier beginnt Trauer.

Nicht dramatisch. Nicht laut. Manchmal sehr still.

Die Trauer darüber, dass man Eltern hatte und doch nicht in der Weise gehalten wurde, wie man es gebraucht hätte. Die Trauer darüber, dass man so lange erklären musste. Die Trauer darüber, dass Liebe nicht gereicht hat, um Sicherheit herzustellen.

Kontaktabbruch ist nicht immer endgültig

Ein Kontaktabbruch muss nicht zwingend für immer sein. Manchmal ist er eine vorübergehende Schutzmaßnahme. Manchmal eine notwendige Pause. Manchmal eine klare Grenze nach vielen gescheiterten Versuchen. Manchmal bleibt er dauerhaft.

Entscheidend ist nicht die moralische Bewertung, sondern die Frage: Ist Kontakt unter den gegebenen Bedingungen regulierbar?

Kann das erwachsene Kind nach einem Gespräch noch schlafen?
Kann es Grenzen setzen, ohne bestraft zu werden?
Gibt es echte Verantwortungsübernahme?
Werden Verletzungen anerkannt oder umgedreht?
Ist Kontakt möglich, ohne dass der Körper in Alarm gerät?
Gibt es Veränderung – oder nur kurzfristige Beschwichtigung?

Versöhnung ist nicht dasselbe wie Selbstaufgabe.
Kontakt ist nicht dasselbe wie Beziehung.
Familie ist nicht automatisch Sicherheit.

Manchmal kann eine neue Form von Kontakt entstehen: begrenzt, klar, dosiert. Manchmal ist Abstand die einzige Form, in der das eigene System gesund bleiben kann.

Beides darf fachlich gedacht werden, ohne vorschnelle Idealisierung von Familie und ohne vorschnelle Abwertung der Eltern.

Was in der Psychotherapie wichtig wird

In der Therapie geht es bei diesem Thema nicht darum, Patient:innen zu einem Kontaktabbruch zu drängen. Genauso wenig geht es darum, sie zur Versöhnung zu bewegen.

Es geht um Klarheit.

Was passiert im Kontakt?
Welche alten Rollen werden aktiviert?
Welche Schuldgefühle gehören zur Gegenwart, welche zur Kindheit?
Welche Schutzmuster waren früher notwendig?
Welche Grenzen sind heute möglich?
Was sagt der Körper?
Und was braucht das System, um sich sicherer zu organisieren?

Diese therapeutische Perspektive knüpft auch an meine Dissertationsschrift „Wo die Liebe hinfällt: Über die Konsistenz des Wiederholungszwangs in der Partnerwahl“ an. Darin habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie frühkindliche Bindungsmuster, unbewusste Beziehungserwartungen und Wiederholungszwänge spätere Beziehungsentscheidungen prägen können – und weshalb Bewusstwerdung, Introspektion und die Bearbeitung des dahinterliegenden Konflikts zentrale Schritte sind, um alte Muster nicht nur zu verstehen, sondern allmählich zu durchbrechen.

Beim Kontaktabbruch zu Eltern zeigt sich eine verwandte Dynamik: Auch hier geht es nicht nur um die äußere Entscheidung, ob Kontakt besteht oder nicht. Es geht um die innere Frage, ob ein Mensch noch in einem alten Beziehungsmuster gefangen ist – oder ob er beginnt, sich aus einer Rolle zu lösen, die früher notwendig war, heute aber zu viel kostet.

Die innere Erlaubnis zur Grenze

Viele Menschen wissen theoretisch, dass sie Grenzen haben dürfen. Aber innerlich fühlt es sich verboten an. Therapie kann helfen, diese Erlaubnis nicht nur kognitiv, sondern körperlich aufzubauen.

Eine Grenze muss nicht hart sein. Sie muss klar sein.

Die Arbeit mit Schuld und Loyalität

Schuldgefühle werden nicht einfach wegargumentiert. Sie werden verstanden. Oft steckt darunter ein altes Loyalitätssystem: Ich darf nicht frei sein, solange es den anderen schlecht geht.

Hier braucht es präzise psychodynamische Arbeit.

Körpernahe Stabilisierung

Wenn Kontakt oder Kontaktabbruch starke körperliche Reaktionen auslöst, braucht es zusätzlich regulative Arbeit: Atem, Schlaf, Rhythmus, Körperwahrnehmung, Neurofeedback, HRV-Biofeedback, achtsame Exposition gegenüber Triggern und eine genaue Dosierung emotionaler Prozesse.

Nicht alles muss auf einmal gefühlt werden. Nicht jede Wahrheit muss sofort durch den Körper gehen.

Integration statt Selbstverurteilung

Viele Patient:innen schämen sich für ihre Ambivalenz. Sie vermissen die Eltern und wollen zugleich Abstand. Sie lieben und sind wütend. Sie fühlen sich frei und schuldig.

Therapie hilft, diese Gegensätze nicht gegeneinander auszuspielen. Ambivalenz ist kein Zeichen von Unklarheit. Sie ist oft ein Zeichen echter Bindung.

Wenn der Körper nach Abstand ruhiger wird

Manchmal geschieht nach dem Kontaktabbruch etwas, das Betroffene kaum auszusprechen wagen: Der Körper wird ruhiger.

Nicht immer sofort. Nicht vollständig. Nicht als Wunder.

Aber vielleicht wird der Schlaf tiefer. Die innere Anspannung sinkt. Der Bauch reagiert weniger. Die Haut beruhigt sich. Die ständige Erwartung einer Nachricht, eines Vorwurfs oder einer Eskalation lässt nach. Der Organismus beginnt zu verstehen: Es kommt nicht gleich wieder etwas.

Diese Ruhe kann zugleich erleichternd und traurig sein.

Erleichternd, weil der Körper endlich weniger Alarm erlebt.
Traurig, weil sichtbar wird, wie viel Kraft der Kontakt gekostet hat.

Auch das gehört zur Wahrheit: Manchmal erkennt man erst im Abstand, wie hoch die innere Belastung war.

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll sein kann

Ein psychotherapeutisches Erstgespräch kann sinnvoll sein, wenn der Kontakt zu den Eltern regelmäßig starke innere oder körperliche Reaktionen auslöst: Schuldgefühle, Angst, Wut, Schlafstörungen, Erschöpfung, Verdauungsbeschwerden, Hautreaktionen, chronische Anspannung oder das Gefühl, wieder in eine alte Rolle gezogen zu werden.

Besonders wichtig kann Unterstützung sein, wenn zusätzlich eine Autoimmunerkrankung, chronisch-entzündliche Beschwerden, MCAS, Erschöpfung, Schmerzsymptome oder stressabhängige körperliche Verschlechterungen bestehen.

Dabei geht es nicht darum, körperliche Erkrankungen psychisch zu erklären. Es geht darum, den Menschen in seiner gesamten Regulationsgeschichte zu verstehen: Beziehung, Nervensystem, Immunsystem, Körper, Grenzen, Schlaf, Belastbarkeit und Selbstschutz.

In meiner Arbeit verbinde ich psychodynamisches Verstehen, Bindungsforschung, Verhaltenstherapie und den Blick auf das Zusammenspiel von Psyche, Nervensystem, Immunsystem und Körper. Ziel ist keine schnelle Entscheidung für oder gegen Kontakt. Ziel ist ein präzises Verstehen dessen, was im Kontakt geschieht – und welche Form von Schutz, Verarbeitung und Regulation heute notwendig ist.

Zusammenfassung

Der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern ist selten eine leichte Entscheidung. Bei Menschen mit Bindungstrauma kann er eine späte Schutzbewegung sein – nicht gegen Bindung, sondern für innere Sicherheit.

Wenn Elternbeziehungen über Jahre mit Angst, Schuld, Unvorhersagbarkeit, Grenzüberschreitung oder emotionaler Überforderung verbunden waren, kann das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft geraten. Diese Belastung kann sich körpernah zeigen: im Schlaf, in der Verdauung, in der Haut, in Erschöpfung, Schmerz, Anspannung oder immunologischer Reaktivität.

Autoimmunerkrankungen sind nicht einfach psychisch verursacht und brauchen medizinische Behandlung. Gleichzeitig ist es fachlich sinnvoll, den Kontext chronischer Stress- und Beziehungserfahrungen mitzudenken.

Psychotherapie kann helfen, alte Schutzmuster zu verstehen, Schuldgefühle einzuordnen, Grenzen aufzubauen und den Körper nicht mehr als Gegner zu erleben, sondern als Teil einer Geschichte, die verstanden und neu organisiert werden darf.

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Literaturhinweise

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